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Otto Köhlers kritische Biographie über Rudolf Augstein:
Ein Leben für Deutschland

Otto Köhler in KONKRET 05/92: Offizielle Mitarbeiter

Von Otto Köhler ist die kritische Biographie "Rudolf Augstein - ein Leben für Deutschland" (Droemer) erschienen, hierzu eine Besprechung aus der der Amazon.de-Redaktion (Christian Stahl).


Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Rudolf Augstein, der den investigativen Journalismus hier zu Lande eingeführt hat, wird auf seine alten Tage nun selbst zum Objekt der Recherche. Da sucht und forscht ein Journalist und ehemaliger Spiegel-Mitarbeiter in Augsteins Vergangenheit und bringt Überraschendes zu Tage. Ausgerechnet der Spiegel, dieses "Sturmgeschütz der Demokratie" hat besonders in seiner Anfangszeit NS-Männer beschäftigt, und zwar in leitender Position.

Es handelt sich hier also nicht um eine Biografie herkömmlichen Zuschnitts. Einblicke ins Privatleben darf man schon gar nicht erwarten. Es gibt zwar ein Kapitel "Rudolf Augstein und die Frauen". Aber darin erfährt man nicht recht viel mehr, als dass der Spiegel-Herausgeber "ebenso viele Ehefrauen absolviert" hat wie Intimfeind Axel Springer (nämlich fünf) -- und darüber hinaus eine Neigung "zu hohen Frauen" besitzt, die ihn um Haupteslänge überragen. Im Mittelpunkt steht allein der politische Journalist und seine Vergangenheit: der Aufbau des Magazins, die Spiegel-Affäre, der Kampf gegen Strauß und Co., Augsteins kurzer Abstecher in die Politik und seine Reaktion auf die deutsche Wiedervereinigung.

Vieles, was Köhler aus der Frühzeit des Spiegel berichtet, ist nicht ganz neu. Aber in dieser pointierten und ausführlichen Form sind seine Erkenntnisse -- und auch sein Stil -- beeindruckend. Auch wenn bekannt ist, dass nach Kriegsende so manche Nazi-Karriere in Politik und Wirtschaft recht nahtlos fortgesetzt wurde, muss man doch staunen, dass auch die Spiegel-Redaktion da keine Ausnahme machte. Da durfte zum Beispiel ein ehemaliger Gestapo-Chef eine ausführliche Serie zu einem einschlägigen Thema verfassen. Und ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer war sogar bis zur seiner Pensionierung Stellvertretender Chefredakteur.

Da bekommt das Denkmal Augstein -- "Journalist des Jahrhunderts" -- tiefe Risse. Aber Köhler möchte es mit seinem Buch nicht gänzlich einreißen, sondern zu einem differenzierteren Bild dieses ungewöhnlichen und ungewöhnlich erfolgreichen Menschen beitragen. Und einen Anstoß geben, dass sich auch der Spiegel, diese Institution des kritischen Journalismus, endlich auch der eigenen Vergangenheit kritischer zuwendet.

Nachtrag: Rudolf Augstein verstarb am 7. November 2002, zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag, an den Folgen einer Lungenentzündung.

Otto Köhler, geboren 1935, war von 1966 bis 1972 Medienkolumnist des "Spiegel". Er schrieb und schreibt u.a. für "Pardon", "Zeit", "Stern" und "Konkret", ist Mitherausgeber der Zeitschrift "Ossietzky" und arbeitet für den WDR. Otto Köhler, Autor zahlreicher Bücher und Buchbeiträge, lebt bei Hamburg.

Otto Köhler in KONKRET 05/92:
Offizielle Mitarbeiter

Ein erster Blick auf Augsteins unbewältigte Vergangenheit zeigt: Der "Spiegel", von seinem Verleger in jüngster Zeit wieder auf alldeutsch-völkischen Kurs gebracht, war schon zu seiner Gründungszeit ein nationalistisch-antisemitisches Kampfblatt, das NS-Mörder verteidigte und ehemalige hohe Beamte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS zu Ressortleitern beförderte.

Woche für Woche meldet der "Spiegel" seit langem "weiter Aufklärungsbedarf" bezüglich der Kontakte zwischen dem Kirchenmann Manfred Stolpe und der Stasi. Rudolf Augstein selbst präzisierte dieses Verlangen, indem er Stimmen zitierte, die Stolpe aufforderten, er müsse "die Hosen endlich runterlassen, und zwar bis ganz unten". Da wird "rückhaltloses Offenlegen" verlangt, schon aus Gründen einer guten Tradition. Augstein: "Aber kann denn der `Spiegel, der seit 45 Jahren aufklärerisch zu wirken sich bemüht, jetzt auf einmal Akten unterdrücken?" Stolz zeigt sich Augstein heute, daß Erich Mielke "im `Spiegel schon 1950 als Doppelmörder figurierte".

Das ist falsch. Mielke figurierte bereits am 5. Mai 1949 im "Spiegel" als Doppelmörder, eine Woche bevor das Magazin jenem ersten Gestapo-Chef Rudolf Diels seine Spalten zu einer Rechtfertigungs-Serie ("Die Nacht der langen Messer fand nicht statt") öffnete, dessen Leute aus Zeugen das Geständnis herausfolterten, das Mielke als Doppelmörder belastete. Das zweite Mal figurierte Mielke als Doppelmörder am 27. Oktober 1949 im "Spiegel", vier Wochen nachdem Rudolph Augstein "herzlichst" dem "lieben `Spiegelleser" eine neue Serie über die "erstklassigen Kriminalisten" im Reichssicherheitshauptamt des Reinhard Heydrich angekündigt hatte.

Es ist darum verständlich, daß Augstein nichts wissen will von diesen beiden ersten Erwähnungen des im "Spiegel" schon so frühzeitig überführten "Doppelmörders" - ob der Vorwurf zu Recht besteht, entscheidet demnächst ein Gericht. Aber es ist gleichzeitig auch unklug von Augstein gewesen, auf das aufklärerische Wirken des "Spiegel" im Jahr 1950 zu verweisen. Ich habe viel nachgelesen. Doch bevor ich aufzeige, was ich gefunden habe, komme ich um eine Vorbemerkung nicht herum: Ich bin gegenüber dem "Spiegel" in mancherlei Hinsicht befangen. Der Leser hat ein Recht darauf, daß ich darüber Rechenschaft ablege, bevor ich mich mit einer so auch von mir bisher nicht wahrgenommenen Vergangenheit des "Spiegel" beschäftige.

Spätsommer 1953: Ich bin aus der Industriestadt Schweinfurt nach Würzburg gekommen und habe mich zum Studium an der Universität eingeschrieben. Das Bild von damals sehe ich noch heute klar vor mir: Ich sitze auf einer Bank beim Studentenhaus, lese den "Spiegel", lese Jens Daniel - so nannte sich Augstein damals in seinen Leitartikeln , lese begeistert seine Kritik an Konrad Adenauer und seiner Regierung. Und da kommen vom Studentenhaus her drei bunt uniformierte Gestalten: zwei Füchse, die ihren total betrunkenen Fuchsmajor über die Straße schleppen.

Der Anblick wurde zur Entscheidungssekunde meines Lebens: Dieses devote Pack, das alles tut, was man ihm aufträgt, und die da oben, die selbst dann noch herrschen, wenn sie sinnlos besoffen sind, sie wollte ich bekämpfen. Ich wollte auch ein Jens Daniel werden: Kanonier am "Sturmgeschütz der Demokratie", wie Rudolf Augstein damals seinen "Spiegel" nannte. Die militärische Redeweise fiel mir kleinem Neo-Pazifisten damals gar nicht auf - sechs Jahre zuvor, als Zwölfjähriger, hatte ich noch von Hitler geschwärmt. Dreizehn Jahre später ging mein Jugendtraum in Erfüllung. Ich war Augstein bei "Pardon" als Springer-Kritiker aufgefallen und wurde Medienkolumnist des "Spiegel". Erst später ging mir auf, daß mein Engagement einen nützlichen Nebeneffekt hatte: Der Kanonier gegen den Zeitungs-König war zugleich das Feigenblatt für den Druckvertrag, den Augstein gerade mit Axel Springer abschloß.

Meine erste Kolumne für den "Spiegel" war eine Auseinandersetzung mit dem unterschwelligen Antisemitismus in der Titelgeschichte des Magazins "Capital" über "Juden + Wirtschaft" - ich hätte sie ein Vierteljahrhundert später ebensogut über den "Spiegel" und seine Gysi-Titelgeschichte "Der Drahtzieher" (Nr. 3/90) schreiben können. Nicht im "Spiegel". Der hatte meine Kolumnen nahezu regelmäßig fünf Jahre lang gedruckt und mich dann entlassen, weil zwischen ihm und mir zu keiner Zeit eine Übereinstimmung über Inhalt und Form der Kolumne bestanden habe.

Es ist also ein merkwürdiges Gemisch von Sentiments, die ich seither für und gegen den "Spiegel" empfinde: der vor die Tür gesetzte Liebhaber, der mehr und mehr merkte, daß die Angebetete auch nicht die Schönste ist, der sich aber bis heute ihr Jugendbild im Herzen bewahrt hat.

Nun ist auch das perdu, seit dem leichtsinnigen Hinweis Rudolf Augsteins auf das Projekt der Aufklärung, das der "Spiegel" seit 45 Jahren betreibe. Ich habe tagelang in dem von Augstein gerühmten Jahrgang 1950 gelesen, zum ersten Mal. Als er erschien, war ich erst 15 Jahre, so alt wie Helmut Kohl 1945. Mich interessierte, wie der "Spiegel", der heute Woche für Woche die Machenschaften der Staatssicherheit und ihrer wirklichen und vermeintlichen Helfer anklagt, sich damals zum fürchterlichsten Träger der NS-Diktatur verhalten hat, zum Reichssicherheitshauptamt Reinhard Heydrichs. Und insbesondere zum dort angesiedelten SD, zum Sicherheitsdienst der SS, der laut Erlaß vom 14. September 1938 als "Einrichtung der Partei" definiert wurde mit dem Hinweis: "Der organisatorische und menschliche Träger dieser Einrichtung ist die SS als Gliederung der Partei."

Es ist die "Spiegel"-Ausgabe vom 2. Februar 1950, in der Mielke zum dritten, für Augstein zum ersten Mal als Doppelmörder erwähnt wurde. Diese Erwähnung findet sich auf Seite 12 in einer Geschichte über die nach NS-Vorbild gegründete antisemitische Untergrundbewegung NTS (Russische Solidaristen). Sie hat gerade einige Eisenbahnbrücken über die Oder und die Neiße gesprengt. Der "Spiegel" lobt, daß die NTS-Leute sich an Gandhis Beispiel orientierten. Wahr ist: Sie wollten Rußland von Stalin und von den Juden befreien.

Zwölf Seiten weitergeblättert: die achtzehnte Fortsetzung der Serie "Das Spiel ist aus - Arthur Nebe. Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei". Nebe war innerhalb von Heydrichs Reichssicherheitshauptamt Chef des Reichskriminalpolizeiamtes und wurde dort mit dem Range eines SS-Gruppenführers "angeglichen". Nebe, der später auch Kontakt zu den Verschwörern des 20. Juli hielt und so umkam, war von Juni bis November 1941 Chef der Einsatzgruppe B, einer Todesschwadron, mit der er nach seinen eigenen Meldungen 45.467 Personen liquidierte. Wir sind, wie erwähnt, in der achtzehnten "Spiegel"-Fortsetzung: "Irrenhaus in Minsk. Irrenhaus in Smolensk: Hunderte ärmster Menschen, irre, tobsüchtige, in Lumpen gehüllte und heruntergekommene Menschen, ohne Nahrung und ohne Pflegepersonal. Nebe funkt an Heydrich. Antwort: `Liquidieren! Nebe ist konsterniert. Er geht selbst in das Irrenhaus. Unmöglich! Wie sollte man diese Leute erschießen? Das war schon rein technisch unmöglich. Man müßte sie festhalten, binden, um den Schützen einen einigermaßen sicheren Schuß zu ermöglichen. Die Exekution würde Tage dauern. Wer sollte das aushalten."

Mord ist ein schwieriges, verantwortungsvolles Handwerk, lernt der "Spiegel"-Leser, er bereitet auch erfahrenen Tätern schlimme Stunden. Aber es gibt einen Ausweg: "In Nebe entsteht ein Plan. Er läßt einen Teil der Kranken in eine kleine Holzbaracke, eine Garage, bringen und einen starken Pkw vorfahren. Der auf hohen Touren laufende Wagen strömt seine Auspuffgase in den Raum. Aber die Garage ist nicht dicht. Erschauernd vor einem Guckloch erschrickt Nebe vor seiner eigenen Grausamkeit. Aber er muß irgend etwas unternehmen. Wieder ventiliert er das Erschießen. Unmöglich! Dann läßt er die Garage vollständig abdichten und wiederholt den Versuch mit einem noch stärkeren Wagen. Erfolgreich. Nebe ist vollends am Ende. Er tröstete sich mit dem Gedanken, ordentliche Männer seiner Einsatzgruppe vor der Durchführung der grauenvollen Exekution bewahrt zu haben."

Erfolgreich - daß heißt: Die zu ermordenden Menschen sind exekutiert. Sie sind am Ende und brauchen keinen Trost mehr - den braucht der Mörder.

Es ist dasselbe Problem, das auch Himmler bewegt hat - im "Spiegel" gedeiht es zur Gewissensqual eines empfindsamen Menschen. Die Opfer sind nur Objekt, vermutlich empfinden sie nichts bei ihrem Tod, leiden jedenfalls weniger als Nebe, der seine Seelenqual beim Vergasen mit Champagner hinunterspülen mußte (Marke Veuve Cliquot - da zeigte sich schon früh die Qualität der "Spiegel"-Recherche).

Für Rudolf Augstein war - als die Serie mit ihrer 30. Fortsetzung endlich ein Ende nahm - Arthur Nebe, der Massenmörder, nichts anderes als "ein ängstlicher, anständiger, ehrgeiziger Beamter, der vor der Gewalt zurückwich, bis er sich selbst nicht mehr ins Gesicht gucken konnte". Vor der Gewalt zurückwich? War er das Opfer, und sind die Ermordeten Ursache seines Leidens gewesen? Augsteins Fazit: "Arthur Nebe ist tot. Aber die Gewalt ist mächtiger denn je. Wir alle sind kleine oder größere Nebes."

Doch da blieb ein Wunsch für die Zukunft, nachdem der Fall Nebe "gründlichst entwirrt" war: Die "Spiegel"-Serie des ungenannten Autors führe doch, so Augstein, "den heutigen Polizei-Verantwortlichen vor Augen, daß die Kriminalpolizei ... auf ihre alten Fachleute zurückgreifen muß, auch wenn diese mit einem SS-Dienstrang `angeglichen worden waren".

Augstein nennt 1950 Beispiele, die er für positiv hält: "Wer auf Vernunft stieß", der sei "schon wieder Kripo-Leiter". Andere SS-Sturmbannführer aber müßten, so klagt er, noch immer warten. In Bonn hätten sich die Parteien schon beim Aufbau eines Bundeskriminalamtes eingeschaltet, beschwert sich Augstein und fügt hinzu: "Bleiben die `Angeglichenen ausgeschaltet, ist mehr Raum für Partei-Kriminalisten. Traun fürwahr."

Ja, traun, das klassische antidemokratische Ressentiment: im guten Kampf gegen Parteibuchbeamte der neuen Demokratie sollen die alten NS-Beamten, die alle nur das eine Parteibuch hatten, den Sieg davontragen. Und so geschah es dann auch: Im Rahmen des 131-Gesetzes gab es in den fünfziger Jahren ganz nach Augsteins damaligem Wunsch auf dem Gebiet der Bundesrepublik mehr NSDAP-Beamte als in der NS-Zeit.

Der Autor der Nebe-Serie blieb damals ungenannt. Doch 1981 war bei Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm ("Die Truppe des Weltanschauungskrieges") nachzulesen, daß es der in der Serie vielfach (selbst)rühmend erwähnte Nebe-Untergebene Bern(har)d Wehner war: SS-Hauptsturmführer im Amt V. des Reichssicherheitshauptamtes, nach dem Krieg Leiter der Düsseldorfer Kriminalpolizei und für den "Spiegel" Serienheld und Serienautor zugleich.

Am 6. Juli 1950 beginnt im "Spiegel" eine neue Serie "Am Caffeehandel beteiligt - Deutschlands Schmuggler", die wie eine konventionelle Grenz-Geschichte anhebt und doch Rudolf Augstein am 4. August zu der umständlichen Versicherung zwingt: "Sie, unsere Leser, wissen, daß wir uns selbst verbieten würden, wenn wir uns dabei ertappten, daß wir den wenigen deutschen Verbrechern und allen deutschen Spießern, denen antisemitische Scheuklappen Lebensbedürfnisse sind, Sukkurs gewährten."

Tatsächlich muß damals beim "Spiegel" ein Verbot bestanden haben, sich bei solchem Sukkurs zu ertappen oder ertappen zu lassen. Die erste Folge ist noch harmlos, wenn man von den Schmugglern absieht, die "nach Zigeunerart wieder mal eine Fehde untereinander ausgetragen und einem der ihren die Knochen gebrochen haben". Doch dann wandte sich die Serie der Möhlstraße in München zu, die damals für den "Spiegel" das war, was heute für "Bild" die Hafenstraße in Hamburg ist: Hauptquartier des Terrors, damals ausgeübt von DPs, von denen die meisten für die damalige Mentalität erkennbar als Juden beschrieben wurden. DPs, das war die Abkürzung für Displaced Persons, Menschen also, die von den Nazis aus allen von ihnen beherrschten Ländern Europas verschleppt worden waren. Daß sie sich nach ihrer Befreiung aus den KZs des Nazi-Reiches nicht benahmen wie freundliche Touristen, mochte, wer ein gutes Gewissen hatte, kritisieren; der "Spiegel" aber betrieb Volksverhetzung, nannte sie "DP-Terroristen", sprach vom "Ringverein der Möhlstraße", von der "Möhlstraßen-Republik der Schmuggler und Hehler", die "längst schon ein europäischer Skandal" geworden sei.

Und es fehlte nicht an sachdienlichen Hinweisen, wohin der Volkszorn zu adressieren war, jedem Judennamen war, wo immer sich das ermitteln ließ, die Adresse und sogar die Telefonnummer beigegeben - "Spiegel"-Service fürs Pogrom. Da es nicht zustandekam und auch "die Lebensmittelhändler, die am 15. Juli 49 gekommen waren, um die Möhlstraßen-Schmuggler zu stäuben", daran gehindert wurden, zeigte sich der "Spiegel" enttäuscht und dachte über die Unmöglichkeit einer Endlösung nach: "Das Ausbrennen der Schmugglerhochburg Möhlstraße ist insofern sehr schwierig..."

Mit besonderer Genugtuung wurde von den "Spiegel"-Autoren - wir werden sehen, sie hatten Grund dazu - der Urteilsspruch eines Landgerichtsdirektors Dr. Parey - aus der Zeit nach der Befreiung 1945 - zitiert: "Jeder Mann in der Umgebung Verdens kannte zu damaliger Zeit seit langem das Lager Bergen-Belsen als einen Hort vieler unehrlicher Elemente. Wirtschaftsverbrechen und Großschiebungen waren dort an der Tagesordnung..."

Am 31. Juli 1950 müssen Augstein und der "Spiegel" einen gerichtlichen Vergleich unterschreiben, der Grenzen ihrer Aufklärungstätigkeit aufzeigt: Sie hätten, so versichern sie, "nicht zum Ausdruck bringen wollen, daß vornehmlich Menschen jüdischen Glaubens an dem Kaffeeschmuggel beteiligt sind". Am 3. August formuliert Augstein im "Spiegel": "Klibansky als Anwalt der bayerischen Judenheit" habe zuvor eine einstweilige Verfügung gegen den "Spiegel" beantragt. Augstein beschreibt den Juden: "Dieses Zwischending von einem römischen Volksredner und einem Teppichhändler aus Smyrna, dieser kleine dicke Mann..., der mit der Behendigkeit eines Waschbären und mit dem Habitus eines Pinguin den Gerichtssaal durchmaß..." Und beklagt sich, daß in der Verhandlung "der Vergleich mit dem `Stürmer mehr als einmal zelebriert" worden sei.

Die Aufklärungsserie des "Spiegel" über den von Juden- und DP-Terror beherrschten Kaffeeschmuggel stammte nicht aus der "Spiegel"-Redaktion. Sie wurde im Kontor des an der Ausschaltung des Schmuggels höchst interessierten Kaffeehandels geschrieben - und natürlich auch mit Kaffeeanzeigen ("Wenn Bohnenkaffee, dann IDEE oder Darbohne") garniert. So wurde - Aufklärung aus erster Hand - die "Spiegel"-Serie über den SD vom SD verfaßt und die "Spiegel"-Serie über den ruinösen Kaffee-Schmuggel vom Kaffee-Kontor.

Aber da können wir uns auch täuschen. Gewiß, die beiden Autoren hießen Georg Wolff und Dr. Horst Mahnke, der eine PR-Mann, der andere Chef der Abteilung Marktbeobachtung beim Kaffee-Einfuhrkontor im Hamburger Freihafen. Daß sich der "Spiegel" damals seine Serie von Vertretern des Verbands schreiben ließ, dessen Interessen in dieser Serie nachhaltig gefördert wurden, ist heute kaum noch aufregend. Aber ein Kontor im Hamburger Freihafen, das sich mit dem Import aus der großen weiten Welt, aus Südamerika etwa, befaßte, war nach dem Ende der NS-Herrschaft für bestimmte Leute auch für Exportzwecke sehr interessant. Wolff gehörte - so lese ich in Leo Brawandts "Spiegel"-Hagiographie - während des Krieges in Norwegen dem Stab des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD an. Dieser Befehlshaber war zeitweise Dr. Franz Stahlecker, der sich als Chef der Einsatzgruppe A im Osten rühmte, 128.432 Juden umgebracht zu haben. Über Dr. Mahnke - den zweiten ungenannten Kaffee-Serienautor - las ich im "Spiegel" vom 29. Dezember 1949, daß er Referent eines Professors und SS-Standartenführers Dr. rer.pol. Franz Six gewesen sei, dem ein Agent namens Walter Hirschfeld übel mitgespielt habe.

Dieser Artikel zeigt die gleiche Handschrift wie ein halbes Jahr später die Kaffee-Serie. Von dem Agenten Hirschfeld wird nicht nur die "Blutwarze auf der Knollnase" beschrieben, die Adresse von Hirschfelds "Feudalwohnung" ist unverfehlbar angegeben: "Hirschgasse Nr.16 (3mal läuten)". Die Telefonnummer (Hdlbg 5833) zur persönlichen Aussprache zwischen den "Spiegel"-Lesern und dem Denunzianten anständiger Deutscher wurde sorgfältig vermerkt, ebenso wie die Autonummer AW 66-4443 seines "uralten 2-Liter-Adler". Mit solch präzisen Angaben las sich ein "Spiegel"-Artikel von damals wie eine Stasi-Akte von heute.

Vorwurf des "Spiegel": Hirschfeld habe sich im Januar 1946 in das Vertrauen der Six-Schwester Marianne eingeschlichen, die habe ihm den Unterschlupf ihres Bruders und seines Adjutanten Mahnke in der Nähe von Hannover genannt, worauf die beiden vom Secret Service festgenommen wurden. Das alles wurde vom "Spiegel" als Verrat eines Kameraden präsentiert und als Mord: Die Six-Schwester wurde tödlich vergiftet aufgefunden. Der "Spiegel" stellte den mutmaßlichen Selbstmord als Tötung durch Hirschfeld dar.

Über die Tätigkeit von Six selbst dagegen kein aufklärendes Wort, obwohl das Nachrichtenmagazin im Jahr zuvor dreimal aus dem Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß berichtet hatte, in dem auch Six zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Der Professor für Zeitungswissenschaften, bei dem sich Mahnke nach Kriegsbeginn am 17. Oktober 1939 mit dem Thema "Die freimauerische Presse in Deutschland. Struktur und Geschichte" einen Doktor-Titel geholt hatte, brachte bald darauf seinen Hochschul-Assistenten mit in Reinhard Heydrichs Reichssicherheitshauptamt. SS-Standartenführer Professor Dr. Franz Alfred Six übernahm das Amt VI. "Weltanschauliche Forschung und Auswertung", und sein Assistent, der damalige SS-Untersturmführer Dr. Horst Mahnke, dort das Referat VII B3 Marxismus.

1941 zogen der Professor und sein Assistent zwecks praktischer Anwendung ihrer Erkenntnisse in den Krieg - oder das, was sie daraus machten. Six wurde Leiter einer mobilen Mordtruppe, des Vorauskommandos Moskau der Einsatzgruppe B, Mahnke wirkte als sein Adjutant. Das Vorkommando sollte in Moskau die Listen der KPdSU-Mitglieder zwecks Liquidation sichern und übte schon im Vorfeld eine ausgedehnte Mordtätigkeit auch an Frauen und Kindern aus. Das befähigte Six nach der Rückkehr aus der Sowjetunion, als Gesandter I. Klasse die Leitung der Kulturpolitischen Abteilung zu übernehmen. Wieder dabei als persönlicher Adjutant: der inzwischen zum SS-Hauptsturmführer aufgerückte Dr. Horst Mahnke. Zu den kulturellen Aufgaben des neuen Amtes gehörten Vorträge, in denen Six - wie am 3./4. April 1944 in Krummhübel - die wissenschaftliche Erwartung aussprach: "Die physische Vernichtung des Ostjudentums entzieht dem Judentum die biologischen Reserven." Bereits 1952 war er wieder auf freiem Fuß und arbeitete fortan als Porsche-Vertreter zugleich auch für die Organisation Gehlen, den heutigen Bundesnachrichtendienst.

Am 16. Februar 1950 erschien im "Spiegel" ein Leserbrief - Unterschrift Dr. Mahnke , der Interessierte darauf aufmerksam machte, daß Hirschfeld, der 1946 die Festnahme von Six ermöglicht hatte, ein "schlecht blondierter Agent" sei. Ein anderer Leserbrief - Unterschrift "Name uninteressant" - wurde deutlich: "Um den Hirschfeld machen Sie sich man keine Sorgen, der steht sowieso schon auf der Liste und wird wohl keines natürlichen Todes sterben." Tatsächlich war der "Spiegel"-Beitrag vom 29. Dezember1949 unter der in jeglicher Hinsicht sachdienlichen Überschrift erschienen: "Merkt euch den Namen Hirschfeld".

Immerhin war es Augstein doch etwas peinlich, daß der "Spiegel" so schlicht als Feme-Organ betrachtet werden konnte, ganz aber wollte er sich davon auch nicht distanzieren. Und so formulierte er kühl, einige Leser hätten sich aus dem "Spiegel"-Artikel die Aufforderung herausgelesen, "dem Hirschfeld ein Leids zu tun". Doch da gab sich Augstein friderizianisch tolerant: "Es wäre verkehrt, dem Hirschfeld ein Haar zu krümmen. Er mag so leben, wie es ihm in diesem Land noch möglich ist, und die Amerikaner mögen sich überlegen, ob sie sich von dem Sturm und Drang ihrer ersten Jahre hier nicht entschieden absetzen sollten."

Warum sollten sich "Spiegel"-Leser den Namen Hirschfeld merken? Und warum wollten "Spiegel"-Leser diesen Mann getötet sehen? Hirschfeld war der Feme verfallen. Er war auch für den "Spiegel" ein Verräter. DasUntertauchen von SS-Massenmördern wurde - so lehrt uns das - vom "Spiegel" gebilligt, wer die Untergetauchten ans Tageslicht zog, galt in seinen Spalten als Denunziant.

Dafür bietet die "Spiegel"-Geschichte über die Entdeckung von Six und Mahnke durch Hirschfeld ein weiteres Beispiel: "Am frechsten hat er dem Augsburg mitgespielt. Kurz vor der Kapitulation war der SS-Sturmbannführer Dr. habil. Emil Augsburg, Rußland-Spezialist im Amt VI. (des Reichssicherheitshauptamtes), als Privatsekretär eines hohen Vatikanbeamten polnischer Herkunft im Benediktiner-Kloster Ettal untergetaucht." Zu ihm sei Hirschfeld gekommen, angeblich als Beauftragter von Six, und habe ihm nachrichtendienstliche Aufträge übermittelt. Der "Spiegel": "Augsburg trommelte seine alten Fachleute zusammen. Tolle Dinger wurden gedreht. Nicht immer einwandfrei, nicht immer ungefährlich. Aber für Six wurde es getan." Für den "Spiegel" ein empörender Betrug. Denn Hirschfeld war nicht im Auftrag von Six, sondern des CIC erschienen.

Wer war dieser Augsburg, der später für die Organisation Gehlen und dann für die CIA arbeitete? Christopher Simpson in "Der amerikanische Bumerang. NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA" (Wien 1988): "Gehlens zweitwichtigster Mitarbeiter für Ostangelegenheiten war Dr. Emil Augsburg, ein ehemaliger SS-Standartenführer aus Himmlers Stab in Polen. Wie Eichmanns hatte auch Augsburgs Laufbahn in Six Abteilung begonnen... Während des Krieges leitete Augsburg... ein Mordkommando im besetzten Rußland. Er erzielte `außergewöhnliche Ergebnisse..."

Simpson weiter: "Nach dem Krieg blieben Augsburg und Six mit den früher von Berlin finanzierten Emigrantengruppen in enger Verbindung und berieten die CIA bei der Auswahl von Agenten, die in Osteuropa bei Operationen hinter den Linien eingesetzt wurden."

Eigentlich war Rudolf Augstein gewarnt. Der "Spiegel" hatte sich wegen der Kaffee-Serie von Mahnke und Wolff öffentlich den Vorwurf des Antisemitismus zugezogen. Augstein mußte, wenn er den "Spiegel" vom 29. Dezember 1949 gelesen hatte, wissen, daß Mahnke die rechte Hand von Franz Alfred Six war, eines gerichtsnotorischen Massenmörders. Es scheint ihn nicht gekümmert zu haben. Am 27. Februar 1952 zeichnet im "Spiegel"-Impressum für das Ressort Ausland und Internationales noch einmal Kurt Blauhorn verantwortlich, ein früherer Redakteur des "Neuen Deutschland", der bis zu seiner Flucht den "Spiegel" mit Informationen beliefert hatte. Am 5. März 1952 ist das Ressort dann aufgeteilt. Ressort-Leiter Ausland ist jetzt Georg Wolff, Ressortleiter Internationales Dr. Horst Mahnke.

Mahnke und Wolff, vom SD über den Freihafen-Kaffeehandel direkt in die Chefsessel zweier "Spiegel"-Ressorts, das sind zwei ungewöhnliche Karrieren, die nach Aufklärung schreien müßten. Schon gar bei einem Organ, das seit 45 Jahren - wir lasen es im "Spiegel" - aufklärerisch zu wirken sich bemüht. Doch damals schrie nichts nach Aufklärung, denn der SD hieß - Rudolf Augstein wird das begründen können - nun einmal nicht Stasi.

Es gibt Momente in einem Journalistenleben, da lehnt man sich nach langer Arbeit kurz zurück und klopft sich selbst auf die Schulter. Aber nach diesen Tagen der "Spiegel"-Lektüre aus den fünfziger Jahren steh ich am offenen Grab, singe das Lied vom alten Kameraden: "...als wär`s ein Stück von mir". Der Jugendtraum ist ausgeträumt. Die Schaufel her - und Erde drauf.

Otto Köhler in aus KONKRET 05/92

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